Tag X - 24. Juli 2006


Montag, der 24. Juli 2006 war mein letzter Arbeitstag im Kindergarten in S. Mein Vertrag lief zum 31. aus; ich hatte noch ein paar Tage Resturlaub. Auf dem Weg zum Kindergarten wohnt meine Oma und ich dachte: “Ich besuche sie heute nochmal, weil’s der letzte Tag ist, an dem ich hier sowieso bei ihr vorbeifahre.“ 
 
Ich hatte mittags Feierabend und kam gerade zur Mittagsessenszeit. Meine Oma wohnt bei ihrem Sohn, meinem Onkel. Der ist Handwerker im Familienbetrieb, und mittags essen immer alle zusammen: Angestellte und Familienmitglieder und wenn einer um diese Zeit dazukommt, findet sich für den auch noch ein Platz und ein Teller. 

Als ich ankam, lief mein Onkel gerade über den Hof, um seinen Nachbarn und Mieter, der in der Scheune am Holzschneiden war, zum Essen einzuladen. Das war D.. D. war vor ca. 3 Jahren bei meinem Onkel im Nebenhaus eingezogen, zusammen mit seiner Freundin, die ihrerseits nach gut einem Jahr wieder auszog. Ich kannte D. vom Sehen. Wir hatten  beide an einem Hoffest zum 100-jährigen Betriebs-Jubiläum meines Onkels geholfen. Beim Helfer-Essen nach dem Fest damals hatte ich mich neben ihn gesetzt – ja – das habe ich mich da einfach so getraut! Gefallen hat er mir ja schon! Aber ich war damals schon so abgeklärt, nach mehrjährigem Single-Dasein, dass ich bezüglich der Bildung einer neuen Partnerschaft den Standpunkt hatte: Wenn es sein soll, dann geschieht es quasi wie von selbst und wenn es nicht sein soll, dann kann man machen, was man will, dann passt es einfach nicht und es kommt nichts zustande. - Vielleicht habe ich mich deshalb so einfach zu ihm gesetzt, weil ich nichts vorhatte. „Hallo! Ich bin die Sonja. Darf ich mich hierher setzen?“ Er sagte: „Ja“. Wir redeten ein bisschen. Er erzählte mir von seinen Schwierigkeiten, alleine zu sein; neun Monate war er da Single. Ich war es, mit kurzen Unterbrechungen, seit 7 Jahren und erzählte ihm, dass ich nach meiner Trennung damals ungefähr drei Jahre gebraucht hatte, bis ich erkannte, dass es „kein Zurück“ gibt. Vorher dachte ich immer noch zeitweise, mein Verflossener sei doch „der Richtige“ gewesen und vielleicht … irgendwann … würden wir wieder … - Nach drei Jahren war ich drüber weg. Über diese Selbsttäuschung. Und in D.s Sich-Plagen sah ich die Ungeduld. Aber die kannte ich ja auch von mir.

Wir redeten darüber, dass wir mal zusammen tanzen gehen könnten. Er sagte: „Wenn Du mal Lust dazu hast, dann komm‘ vorbei. Du weißt ja, wo ich zu finden bin.“ Und ich dachte: „Das hört sich aber nicht sehr leidenschaftlich an. Der hat da nicht so Lust drauf (aufs Tanzen und auf mich).“ Und ich ließ es bleiben. 

… - …

Als ich D. zum ersten Mal sah, war er mit seiner Freundin zum Samstags-Nachmittags-Kaffee bei meinem Onkel, seinem neuen Vermieter, eingeladen. Die beiden waren gerade eingezogen und das war so ein Wir-lernen-uns-kennen-und-verstehen-uns-gut-Treffen. Ich kam zur Tür herein, auf Oma-Besuch, und da saßen sie alle am Küchentisch. Ich sah D. und das war irgendwie, als ob der Blitz mich träfe. „Den kenne ich! Das ist er!“ Im nächsten Moment hatte ich aber schon die Lage gepeilt, begriffen, dass er da mit seiner Partnerin saß, und machte innerlich einen Haken dran, verkniff mir, weiter einzutauchen in das Gefühl, welches mich so blitzartig erfasst hatte.
… - …
Jetzt kam er also zum Mittagessen und für mich gab es natürlich auch noch einen Teller. Ich war schon ins Haus gegangen, während mein Onkel noch bei D. in der Scheune war, und saß schon am Tisch, als die beiden hereinkamen. Es war Sommer, der 24. Juli wie gesagt, und warm. Er trug kurze Hosen, abgeschnitten bis an die Knie und ein T-Shirt. Er bückte sich, um den Hund zu kraulen und zu begrüßen und ich sah die schwarzen Haare auf seiner Brust, bekam eine Ahnung davon bei dem kurzen Einblick, die mich wissen ließ, dass das genau gut für mich war. Seine Beine betrachtete ich auch. Auch an ihnen wuchsen schwarze Härchen, die ich sehr sexy fand. Nur – oh Mann! Soll ich das jetzt aufschreiben? Auf was ich sah und was ich dachte? … 

– Ich habe vor einiger Zeit ein Buch gelesen, das mich sehr beeindruckt hat, ein Buch über Maria Magdalena. Mit am Meisten hat mich die Offenheit der Verfasserin beeindruckt, die bei der Veröffentlichung tiefer Weisheiten dennoch auch von ihrer eigenen Menschlichkeit berichtet, von ihrer Eifersucht z.B. – Also schiebe ich meine Hemmungen beiseite und traue mich, zu schreiben … -  

Ich sah also auf D.s Beine und mir fiel auf, dass die Behaarung erst in Sockenhöhe anfing und nicht bis herunter zum Knöchel reichte. … - Wie soll ich das jetzt in Worte fassen, was durch diese Beobachtung, dort am Mittagstisch in der Zeitlosigkeit des Bruchteils einer Minute, alles durch meinen Kopf ging, durch meine Filter, Raster, Muster? Zum einen ist es vielleicht einfach ein ästhetischer Aspekt (rede ich mir ein), ich finde es einfach schöner, wenn männliche Beine bis hinunter zum Knöchel behaart sind. – Ich muss nun, während ich das hier schreibe, gerade lachen! – Macht sich da sonst noch irgendjemand Gedanken drum? Oder auf was sehen andere und was löst es bei ihnen aus? Sind sie sich dieser Mechanismen bewusst und warum oder woher hat man sowas? Und obwohl ich jetzt lachen muss, so war diese Gegebenheit doch so ernsthaft für mich, dass dieser kurze Moment möglicherweise alles Weitere entschieden hat. 

– Ich will hier noch etwas einfügen: Ich trage einen Ja-Nein-Stein bei mir. Manchmal ständig, manchmal nicht. Es ist eine alte Zehn-Pfennig-Münze, ein Groschen aus D-Mark-Zeiten. Zahl ist Ja, Eichenschössling ist Nein. Manchmal benutze ich auch den Anhänger an meinem Autoschlüssel: Bild ist Ja, Text ist Nein. Anfangs dachte ich, ich frage damit die Engel oder irgendeine höhere Energie, die es besser weiß als ich. Dann dachte ich, ich frage mein Höheres Selbst, das einen besseren Überblick hat, als ich in meinem Alltags-Space, und das mir mal auf die Schnelle helfen kann. Jetzt ist es mir gleich-gültig, wen ich da um Rat frage, denn ich glaube, mehr oder weniger ist es sowieso Eines und letztendlich bin ich es selbst. Jedenfalls werde ich immer gut beraten. Ich glaube, die erste Antwort ist immer die Richtige. Manchmal will ich die nicht haben und frage noch einmal und dann kommen auch andere Antworten heraus, aber dann verwirre ich mich, werde unruhig …. Dann fängt mein Zweifel- und Ich-will-aber-Programm an. Im Grunde sagt der Stein, mein Groschen, sowieso immer das, was ich ohnehin tun will, was meiner inneren Wahrheit entspricht. Und seine Antworten entwickeln sich synchron zu meinen inneren Prozessen. Manchmal jedoch bringt er mich dazu, etwas zu tun, was ich mir, mein Verstand mir, nicht erlaubt oder was ich mich nicht getraut hätte. Ich benutze ihn rege, z.B. jetzt hier beim Schreiben, um die „richtigen“ Formulierungen zu finden, oder beim Einkaufen: “Soll ich das nehmen oder nicht?“ An diesem besagten Tag X hatte ich, bevor ich auf meinem Nachhauseweg von der Arbeit bei Oma anhielt, drei- oder viermal meinen Autoschlüssel gefragt: „Soll ich bei Oma anhalten?“ (Ich dachte, ich besuche sie vielleicht zu oft und sie denken dort, ich sei nur auf ein Mittagessen aus, weil ich doch immer mittags Feierabend hatte und dann zur Essenszeit hinkam.) Der Schlüsselanhänger sagte jedes Mal „Ja“. Mir kam es vor, dass „ihm“ richtig was dran liegt, dass ich das unbedingt mache. - 

Während D. da also stand und die Menschen und den Hund begrüßte und ich ihn mit Lust und Gefallen betrachtete, hatte ich schon mal nach dem Groschen in meiner Hosentasche gegriffen, mit der Frage: „Könnte D. potentiell „der richtige Mann“ für mich sein?“ „Ja“ hat der Groschen gesagt. Als ich nun seine Beine ansah, geschah Folgendes: Als Erstes dachte ich: „Das finde ich nicht so schön.“ Aber das mit dem ästhetischen Aspekt ist nur der Deckel, den ich auf den ganzen Komplex drauf getan habe, und der flog auch gleich ab. Heraus kam: Bei meiner letzten Kurzzeit-Beziehung (die relativ lange über mehrere Monate ging, in zwei Etappen) war es auch so: F.s Behaarung an den Beinen begann erst an der Wade. Mit F. verbinde ich Unverbindlichkeit und Fallen-gelassen-worden-sein-und-nicht-mehr-drum-scheren. Ich habe etliche Monate lang an Rache und Genugtuung  gedacht, nachdem diese Beziehung zu Ende war. Das Ende kam in der Form, dass wir telefonierten und ich ihn fragte, wann er am Wochenende käme, damit ich nicht den ganzen Tag so auf Abruf sein musste, sondern mich danach richten konnte, dass ich z.B. staubgesaugt hätte und nicht gerade einkaufen wäre. Daraufhin hat er einfach aufgelegt und ich habe nie wieder etwas von ihm gehört. Hierbei handelt es sich um die Beendigung der zweiten Etappe. Die erste Etappe beendete er vier Monate zuvor, nachdem sein Onkel gestorben war, der bei ihm im Haus wohnte, in der Wohnung über ihm. Irgendetwas war F. da wohl zu viel gewesen, ich vermute, er war mit dem Geschehen überfordert, aber er konnte sich nicht mitteilen und nicht abgrenzen oder sich helfen oder trösten lassen. Sowas ließ er nicht zu, machte es den Menschen um ihn herum aber gleichzeitig zum stillen Vorwurf, dass sie ihm nicht helfen, ja überhaupt ihn nicht verstehen würden, was meiner Wahrnehmung nach nicht stimmte. Da war nicht nur ich, die liebendes Interesse an ihm hatte und abgewiesen wurde, sondern seiner Mutter z.B. erging es genauso, soweit ich das in den paar Wochen und Monaten mitbekommen habe. Jedenfalls nahm ich den Korb, den er mir gegeben hatte, sehr persönlich, war zutiefst gekränkt und ärgerte mich über die vertane Gelegenheit, dass ich ihm, als er nach dem ersten Akt wieder bei mir auf der Matte stand und die Beziehung wieder aufnehmen wollte, nicht gesagt habe: „Fick‘ Dich ins Knie, F.!“ Nein, stattdessen habe ich mir selbst nochmals eine Demütigung abgeholt. Beim zweiten Mal Schluss-machen war kurz zuvor die Tante gestorben, des Onkels Frau. 

Und: Bei meinem Vater ist es genauso mit der Beinbehaarung. Er seinerseits ist Meister in der Disziplin „Angriff ist die beste Verteidigung“. Auch, wenn es gar nichts zu verteidigen gibt. Er hat so ein Muster, dass er jeden mit Vorwürfen eindeckt, um nur selbst nicht auf vermeintliche Fehler angesprochen zu werden. Wenn ich z.B. bei meinen Eltern zum Kaffeetrinken eingeladen bin und komme um 16.00 Uhr, dann begrüßt er mich mit den Worten: „Sieh mal auf die Uhr!“ Er meint dann, ich sei zu spät. Wenn ich um 15.00 Uhr käme, würde er gar nichts sagen, weil er da selbst nicht da wäre, denn er hat sich wahrscheinlich um 15.59 Uhr an den Kaffeetisch gesetzt. Er ist es nämlich, der wirklich immer und überallhin zu spät kommt und muss vielleicht deshalb andere darauf hinweisen,  wenn er meint, die seien zu spät. Ich fand die Uhrzeit okay. 

Außerdem hat mein Vater die Ader, dass er – jetzt bald 70-jährig – den ganzen Tag arbeitet, körperlich schwere Arbeit verrichtet, oft für andere Leute. Aber er lässt es sich schlecht bezahlen, vermute ich. Er fordert keinen von ihm genannten Preis für seine Arbeit, sondern nimmt das, was die Leute ihm geben – oder auch nicht. Für mich ist das fehlende (Selbst-)Verantwortung und Missachtung der eigenen Kraft und Größe, fehlende Selbst-Achtung. Und - natürlich: Das kenne ich auch von mir. Hier habe ich das Thema auf die Männer übertragen – von denen ich mir wohl gewünscht habe, sie würden diesen Part für mich übernehmen. Ja. – 
Und was hat das jetzt mit den Beinen zu tun? Für mich ist das irgendwie so, dass ich eine höher ansetzende Behaarung an männlichen Beinen mit einer Art „Luftigkeit“ verbinde; Inhaber solcher Beine bringen ihre männliche Kraft nicht ganz bis auf die Erde. Wenn die Härchen bis zum Knöchel gehen, dann, meine ich, wäre die männliche Kraft solcher Männer stabiler und ausgewogener. Aber ich weiß nicht, ob das wirklich so ist … 

Vor kurzem las ich im Internet die Meldung, dass durch Zufall der Eisprung der Frau gefilmt wurde, und dass der Vorgang völlig anders ist, als man bisher angenommen habe. Ich glaube, so verhält es sich mit sehr Vielem. Man meint, man würde etwas wissen, aber in der Wirklichkeit ist es ganz anders. 

Ich meinte also zu wissen, dass hier ein Mann vor mir stand, dessen männliche Kraft möglicherweise schlecht geerdet war und der mir vielleicht deshalb nicht die starke Schulter bieten konnte, nach der ich mich sehnte. – In diesem Moment war mir das natürlich nicht so klar bewusst, aber so war es. – Ich fragte meinen Groschen: „Ist D. trotz seiner Beinbehaarung der potentiell „richtige Mann“ für mich?“ Der Groschen sagte: „Ja.“

Wir aßen zu Mittag.
                                
Nach dem Essen blieben Oma, D. und ich in der Küche, die anderen gingen wieder ihrer Arbeit nach. Oma spülte das Geschirr ab und ich half ihr dabei. D. war am Tisch sitzengeblieben zum Plaudern. Als wir fertig abgetrocknet hatten, sah ich aus dem Fenster, hinüber in D.s Hof, zu seinem Freisitz, den er dort gebaut hatte, sagte ein paar Worte darüber und fragte ihn, ob er mir das mal zeigen würde, was er da so Schönes gebaut hätte. – Ich glaube, in diesem Moment, spätestens, war schon alles besiegelt. – Er sagte: „Ja“, stand vom Stuhl auf, verabschiedete sich von Oma und wir gingen hinüber. In der Haustür hielt ich kurz inne, weil wir nebeneinander waren und es eng wurde. Er blieb ebenfalls stehen und fasste mich kurz am Arm, um mir den Vortritt zu geben. Ich nahm das geehrt zur Kenntnis. Das tat mir gut. 

Drüben bei sich zeigte er mir alles, erst draußen, dann drinnen, bis unters Dach und er sprach wieder davon, wie ungern er alleine sei. Ich gab ihm meine Philosophie zum Besten: „Wenn es nicht sein soll, klappt sowieso nichts und wenn es sein soll, dann kommt es von ganz alleine,“ und dass er sich doch gedulden solle.

Eigentlich hätten wir uns da schon küssen können.

Zum Abschied tauschten wir unsere Handynummern aus.



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